Bericht vom Höhenmedizinkurs im Expeditionsstil
Höhenmedizin zum Anfassen. Wer die Wirkung eines längeren Aufenthaltes in grossen Höhen (>2500m) auf den Organismus nicht nur erlernen, sondern auch erleben möchte, ist beim Höhenmedizinkurs im Expeditionsstil genau richtig. Der diesjährige Kurs fand vom 18. - 23. Juli 2011 erstmals im Engadin statt, nachdem wir ihn in den letzten sieben Jahren im Monte-Rosa-Gebiet durchgeführt hatten.
Unser „Kurshotel“, die Diavolezza-Hütte, (2973m) bietet neben ihrem sensationellen Panorama die Möglichkeit, schon ab dem ersten Tag die Folgen der hypobaren Hypoxie zu quantifizieren. Wie in den letzten Jahren wurde dafür an alle Kursteilnehmer der Lake Louise-AMS-Fragebogen ausgegeben (siehe S. 10/11) und mittels Pulsoymeter täglich die Sauerstoffsättigung gemessen.
Neben der theoretischen Ausbildung im bestens eingerichteten Vortragsraum der Diavolezza und dem Gletschertraining mit unseren beiden Bergführern Claude Raillard und Mario Luginbühl, wurden die Teilnehmer also quasi völlig selbstlos vor die Aufgabe gestellt, sich zu akklimatisieren.
Unser Kurs wurde von Matthias Gutmann begleitet und gefilmt. Er hatte im Jahr 2009 bereits die Schweizer Forschungsexpedition zum Peak Lenin dokumentiert. (zum Video)
Die Hochtour mit Zelt-Übernachtung auf dem Gletscher fand an den letzten beiden Kurstagen statt. Spätestens bei der Verteilung der Zelte, Kocher, Verpflegung und Seile auf die Teilnehmer wurde allen klar, dass die Probleme auf Trekkings und Expeditionen in der Höhe nicht immer nur mit der Hypoxie zu tun haben. Die Rücksäcke führten beim Aufsetzen meistens zu einem leichten Stöhnen. Der Anmarsch zum Hochlager auf
3400m Höhe erfolgte bei strahlendem Sonnenschein nachdem uns das Wetter an den Vortagen mehrfach Neuschnee bis unter die 3000m-Grenze beschert hatte.Die Gletschertour ging infolge des Schnees nicht ganz so leichtfüssig vonstatten, wie es manche mit eher spartanischem Gipfelgepäck gewöhnt sind. Das Aufstellen der Zelte und Graben der Latrine waren gerade rechtzeitig fertig, um sich vor den nun wieder einsetzenden Schneeschauern zu verkriechen, die sich am Abend zu Gewittern steigern sollten. Trotzdem waren alle Kursteilnehmer am Nachmittag bereit, sich ausserhalb des schützenden Zeltes und des wärmenden Schlafsackes einer praktischen und theoretischen Prüfung zur Erlangung des „Expedition and Wilderness-Medicine“-Diploms zu unterziehen.
Tief verschneite Zelte und steif gefrorene Bergschuhe am Morgen waren nicht gerade dazu angetan, das Land der Träume zu verlassen. Aber gesagt ist gesagt... Und die ersten Frühaufsteher der 450m tiefer gelegenen Diavolezza-Hütte kamen auch schon den Gletscher hochgeschnauft. Fast alle Teilnehmer konnten sich aufraffen, einer blieb als freiwillige Zeltwache zurück. Nach zwei Stunden standen wir auf dem Gipfel des wolkenverhangenen Piz Palü (3905m). Beim Rückweg über die östliche Bergflanke riss das Wetter auf und bescherte uns atemberaubende Blicke in die tiefen Gletscherschluchten des Massivs.

Die Auswertung der gemessenen Sauerstoffsättigungen (SpO2) und die dazugehörigen AMS-Scores ergaben keine Überraschungen. Das Diagramm zeigt die mittlere SpO2 an den einzelnen Kurstagen +/- Standardabweichung sowie den dagegen aufgetragenen mittleren AMS-Score. Wie nicht anders zu erwarten, bewegen sich die Kurven umgekehrt proportional zueinander. Die durchschnittliche SpO2 auf der Hütte war 91% am ersten Tag und stieg auf 93.4% am Tag 2 resp. 92% am Tag 3. Wie auch bei den letzten Höhenmedizinkursen ist dieser SpO2-Anstieg auf gleicher Höhe am 2. und 3. Tag nicht signifikant, lässt sich aber immer beobachten. Die mittlere SpO2 auf dem Gipfel betrug 85% (min 75%; max 92%), ein Wert, der manchen Anästhesisten im Tiefland zum Tubus greifen lässt... Trotzdem waren die beklagten Beschwerden im unteren Bereich, meistens Kopfschmerzen und Schlafstörungen während der letzten Nacht. Der AMS-Score lag zum Gipfelzeitpunkt im Mittel bei 1.5 Punkten, deutlich unter der Grenze für eine akute Bergkrankheit (>3 Punkte). Beim diesjährigen Kurs kam unsere umfangreiche höhenmedizinische Apotheke erstmals nicht zum Einsatz. Dies mag an der besseren mehrtägigen Akklimatisation auf knapp 3000m Höhe liegen (vs. 1600m in Zermatt während der letzten Jahre). Ein weiterer Fakt ist das tiefer gelegene Zeltlager (3400m vs. 3800m in den Vorjahren).















